Abnehmen & GLP-1 · Peptid · Injektion · Zulassung beantragt

CagriSema: 23 Prozent Gewichtsverlust — und trotzdem im direkten Vergleich unterlegen

Von Jesse B. · Aktualisiert: September 2026 · Redaktionsprinzipien

Novo Nordisk hat etwas getan, was in diesem Feld selten ist: den eigenen Kandidaten direkt gegen den Marktführer antreten lassen. Das Ergebnis war nicht das erhoffte — macht CagriSema aber zum einzigen Abnehmwirkstoff, über den man mehr weiß als eine Schätzung.

Hersteller
Novo Nordisk
REDEFINE-Programm
Zusammensetzung
Cagrilintid
+ Semaglutid
Amylin + GLP-1
Zulassungsstand
beantragt
FDA · Dez. 2025
Gewichtsverlust
23,0 %
REDEFINE-1
Auf einen Blick

CagriSema ist eine feste Kombination aus zwei Wirkstoffen in einer Spritze: dem bekannten Semaglutid und dem neuen Cagrilintid, einem langwirksamen Amylin-Analogon. Einmal wöchentlich subkutan. Zugelassen ist es bislang in keinem Land — der Antrag liegt seit Dezember 2025 bei der FDA, eine Entscheidung wird für Ende 2026 erwartet. Die Studienlage ist stark: rund 23 Prozent Gewichtsverlust in der Zulassungsstudie REDEFINE-1. Und trotzdem: Im einzigen direkten Vergleich der ganzen Wirkstoffklasse verlor CagriSema gegen Tirzepatid — 23,0 % gegenüber 25,5 %, der primäre Endpunkt der Nichtunterlegenheit wurde verfehlt.

Peptid · wöchentliche Injektion Amylin + GLP-1 nirgends zugelassen erste Amylin-GLP-1-Kombination einziger echter Head-to-Head FDA-Entscheidung Ende 2026
1 · Zulassungsstand

Zulassungsstand

Stand September 2026: CagriSema ist in keinem Land zugelassen. Der Zulassungsantrag liegt seit dem 18. Dezember 2025 bei der FDA, eine Entscheidung wird für Ende 2026 erwartet. Sobald die FDA entschieden hat, wird dieser Stand hier aktualisiert.
RegionStatus
USAZulassungsantrag am 18. Dezember 2025 eingereicht, Entscheidung für Ende 2026 erwartet
EU / Deutschlandkein öffentlich bestätigter Antrag bei der EMA
Großbritannienkein öffentlich bestätigter Antrag bei der MHRA

Der US-Antrag stützt sich auf REDEFINE-1 und zielt auf die Gewichtsreduktion bei Erwachsenen mit Adipositas oder Übergewicht mit mindestens einer gewichtsbezogenen Begleiterkrankung — jeweils zusammen mit kalorienreduzierter Ernährung und mehr Bewegung.

Für Deutschland heißt das: Selbst bei einer US-Zulassung Ende 2026 wäre eine EU-Zulassung noch nicht einmal beantragt. Ein Marktzugang hier ist damit frühestens 2027 oder 2028 realistisch — und auch dann stünde noch die Erstattungsfrage im Raum: Abnehmmittel gelten in Deutschland als Lifestyle-Arzneimittel und sind nach § 34 SGB V von der Erstattung durch die gesetzliche Krankenversicherung ausgeschlossen.

Fazit Abschnitt 1Nirgends zugelassen · US-Entscheidung Ende 2026 erwartet · kein bestätigter EU-Antrag · Marktzugang in Deutschland frühestens 2027/2028
2 · Mechanismus

Was Amylin ist — der neue Teil

Semaglutid kennt man. Neu an CagriSema ist der zweite Bestandteil. Amylin ist ein körpereigenes Hormon, das gemeinsam mit Insulin von denselben Zellen der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet wird. Es wirkt auf ein Sättigungszentrum im Hirnstamm und verlangsamt die Magenentleerung. Cagrilintid ist eine langwirksame künstliche Nachbildung dieses Hormons.

Das Besondere ist der Wirkpfad. Bisher wurden Kombinationen immer innerhalb der Inkretin-Familie gebaut:

WirkstoffZweiter Wirkpfad
TirzepatidGIP
SurvodutidGlukagon
RetatrutidGIP + Glukagon
CagriSemaAmylin

CagriSema ist damit die erste feste Kombination aus einem GLP-1-Wirkstoff und einem Amylin-Analogon. Beide Bestandteile setzen an Hunger und Sättigung an, aber über verschiedene Signalwege. Die Idee dahinter: zwei Sättigungsmechanismen greifen stärker als einer.

Warum Amylin — und nicht GIP oder Glukagon?

Die anderen Kombinationswirkstoffe bleiben innerhalb der Inkretin-Familie und kombinieren GLP-1 mit GIP (Tirzepatid), Glukagon (Survodutid) oder beidem (Retatrutid). Amylin ist der erste Zusatzweg außerhalb dieser Familie. Das ist strategisch interessant, weil Amylin die Sättigung über einen eigenen Signalpfad im Hirnstamm vermittelt — unabhängig davon, wie stark der GLP-1-Weg bereits ausgereizt ist. Die Hoffnung dahinter: zwei Wege, die sich ergänzen statt zu überlappen, könnten Menschen erreichen, bei denen ein reiner GLP-1-Wirkstoff an eine Grenze stößt. Bewiesen ist diese Überlegenheit gegenüber den Inkretin-Kombinationen bislang aber nicht — im einzigen Direktvergleich unterlag CagriSema Tirzepatid.

CagriSema vs. die anderen Kombi-Peptide

WirkstoffWegeEigenständige Stärke
CagriSemaGLP-1 + AmylinEinziger Amylin-Weg, zweiter Sättigungspfad außerhalb der Inkretine
TirzepatidGLP-1 + GIPStärkster dokumentierter Gewichtsverlust der zugelassenen Klasse; schlug CagriSema in REDEFINE-4
SurvodutidGLP-1 + GlukagonDirekter Leberfett-Effekt über den Glukagon-Arm
RetatrutidGLP-1 + GIP + GlukagonDrei Wege kombiniert, höchste Phase-2-Werte

Bis auf REDEFINE-4 (CagriSema vs. Tirzepatid) existiert zwischen diesen Wirkstoffen kein direkter Vergleich; die Tabelle beschreibt die Wirkprinzipien und die jeweilige Nische, keine durchgängige Rangfolge der Wirkstärke.

Ein oft übersehener Punkt aus REDEFINE-1: Weil dort auch die Einzelbestandteile getestet wurden, lässt sich der Beitrag jedes Teils abschätzen. Die feste Kombination schnitt beim Gewichtsverlust besser ab als Semaglutid allein und besser als Cagrilintid allein — der Amylin-Zusatz liefert also einen eigenständigen Beitrag und ist nicht bloß „Semaglutid mit Beipack". Das ist der sauberste Beleg dafür, dass der zweite Wirkweg tatsächlich etwas beisteuert; die offene Frage bleibt, ob dieser Zusatznutzen groß genug ist, um im Wettbewerb mit Tirzepatid zu bestehen.

Fazit Abschnitt 2Amylin ist ein körpereigenes Sättigungshormon aus der Bauchspeicheldrüse · Cagrilintid ist seine langwirksame Nachbildung · erste Amylin-GLP-1-Kombination · neuer Wirkpfad außerhalb der Inkretin-Familie
3 · Evidenz

Die Studien

REDEFINE-1 — die Zulassungsstudie

3.417 Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht mit mindestens einer adipositasbedingten Begleiterkrankung, ohne Diabetes. 68 Wochen, randomisiert und doppelblind. Verglichen wurde nicht nur gegen Placebo, sondern auch gegen Semaglutid allein und Cagrilintid allein — ein methodisch sauberer Aufbau, weil er zeigt, was die Kombination gegenüber ihren Einzelbestandteilen leistet.

  • Gewichtsverlust rund 23 Prozent, wenn man den Effekt bei durchgängiger Behandlung betrachtet
  • 91,9 Prozent der Behandelten erreichten mindestens fünf Prozent Gewichtsreduktion

Diese Studie ist die Grundlage des US-Zulassungsantrags.

REDEFINE-2 — mit Typ-2-Diabetes

Der primäre Endpunkt wurde erreicht: 15,7 Prozent Gewichtsverlust nach 68 Wochen gegenüber 3,1 Prozent unter Placebo (Ergebnisse im März 2025 gemeldet). Der niedrigere Wert ist erwartbar — Menschen mit Typ-2-Diabetes verlieren unter dieser Wirkstoffklasse durchweg weniger Gewicht als Menschen ohne.

REDEFINE-4

Der direkte Vergleich mit Tirzepatid — der eigentliche Grund, warum diese Seite existiert. Ausführlich im nächsten Abschnitt.

Weitere Programme

Unter dem Namen REIMAGINE läuft ein eigenes Studienprogramm zu Typ-2-Diabetes. Weitere Studien zu unterschiedlichen Dosierungen laufen bis 2028.

Wie belastbar sind diese Zahlen?

Die Evidenz zu CagriSema ist durchweg hochwertig: große, randomisierte Humanstudien mit mehreren tausend Teilnehmenden, REDEFINE-1 zusätzlich mit dem sauberen Vergleich gegen die Einzelbestandteile. Ein wichtiger Vorbehalt betrifft aber genau die entscheidende Studie: REDEFINE-4 war offen (Teilnehmende und Ärzte wussten, wer was bekam), was Erwartungseffekte begünstigt — der Hersteller selbst führt das als mögliche Miterklärung des Ergebnisses an. Für die reine Gewichtszahl aus REDEFINE-1 gilt derselbe Estimand-Vorbehalt wie bei allen Wirkstoffen der Klasse (siehe Abschnitt 5). Fazit der Evidenzstufe: hohe Datenqualität, aber die Schlüsselzahl stammt aus einem offenen Design — kein Grund, sie zu verwerfen, aber einer, sie einzuordnen.

Fazit Abschnitt 3REDEFINE-1 mit 3.417 Teilnehmenden ist die Zulassungsgrundlage · Vergleich auch gegen die Einzelbestandteile · rund 23 % Gewichtsverlust · 15,7 % bei Typ-2-Diabetes
4 · Direktvergleich

REDEFINE-4: der Direktvergleich

In der gesamten Adipositas-Medizin gibt es kaum direkte Vergleichsstudien. Fast alle Prozentzahlen, die kursieren, stammen aus verschiedenen Studien mit verschiedenen Populationen — und lassen sich streng genommen nicht gegeneinander stellen. REDEFINE-4 ist eine der wenigen Ausnahmen.

Der Aufbau: 809 Erwachsene mit Adipositas und mindestens einer Begleiterkrankung, mittleres Ausgangsgewicht 114,2 kg. 84 Wochen. Offen — das heißt, Teilnehmende und Prüfärzte wussten, wer was bekommt. CagriSema gegen Tirzepatid 15 mg, beides wöchentlich gespritzt.

AuswertungCagriSemaTirzepatid 15 mg
Bei durchgängiger Behandlung23,0 %25,5 %
Alle Teilnehmenden eingerechnet20,2 %23,6 %

Der primäre Endpunkt wurde verfehlt. Ziel war der Nachweis, dass CagriSema Tirzepatid nicht unterlegen ist. Dieser Nachweis gelang nicht — in beiden Auswertungen.

Novo Nordisk musste das Scheitern der eigenen, selbst finanzierten Studie selbst bekannt geben. Der Forschungsvorstand des Unternehmens führte an, Tirzepatid habe unerwartet stark abgeschnitten, das offene Studiendesign könne Teilnehmende beeinflusst haben, und in der Tirzepatid-Gruppe hätten mehr Personen die volle Dosis von 15 mg erreicht als in der CagriSema-Gruppe.

Wie man das liest: 23 Prozent Gewichtsverlust sind für sich genommen ein sehr gutes Ergebnis. CagriSema hat nicht versagt — es war nur nicht besser als der bereits zugelassene Wettbewerber. Für die Bewertung des Wirkstoffs ist das ein Unterschied, für die praktische Frage „worauf soll ich warten" nicht. Ergänzend gehört dazu: In einer von Eli Lilly finanzierten Vergleichsstudie hatte Tirzepatid zuvor bereits Semaglutid geschlagen.

Für die Netto-Aussage heißt das: Nach heutiger Datenlage ist Tirzepatid beim Gewichtsverlust der stärkste der drei — direkt gegen CagriSema in REDEFINE-4 und direkt gegen Semaglutid in einer Lilly-Studie. CagriSema liegt dabei über Semaglutid allein (das zeigt schon der Einzelbestandteil-Vergleich in REDEFINE-1), aber unter Tirzepatid. Das ist eine der wenigen belegten Rangaussagen im ganzen Feld, weil sie auf echten Kopf-an-Kopf-Studien beruht statt auf dem Nebeneinanderstellen isolierter Prozentzahlen. Offen bleibt, ob sich das Bild in anderen Endpunkten — etwa Herz-Kreislauf-Nutzen oder Verträglichkeit im Einzelfall — verschiebt; dort fehlen für CagriSema noch vergleichende Daten.

Fazit Abschnitt 4Einer der wenigen echten Direktvergleiche im Feld · CagriSema 23,0 % gegen Tirzepatid 25,5 % · primärer Endpunkt der Nichtunterlegenheit verfehlt · offenes Design als Einschränkung · 23 % bleiben absolut betrachtet ein starkes Ergebnis
5 · Auswertung

Warum es zwei Prozentzahlen gibt

Bei jedem modernen Adipositas-Wirkstoff kursieren zwei Werte, und der Unterschied wird selten erklärt.

Die höhere Zahl beschreibt den Effekt unter der Annahme, dass alle Teilnehmenden die Behandlung wie vorgesehen durchgehalten und keine anderen Abnehmmittel genommen haben. Sie zeigt, was der Wirkstoff kann. Die niedrigere Zahl rechnet alle ein, auch die, die abgebrochen oder die Dosis verändert haben. Sie zeigt, was in der Praxis herauskommt.

Bei CagriSema in REDEFINE-4 sind das 23,0 gegenüber 20,2 Prozent. Beide Zahlen sind korrekt, sie beantworten nur verschiedene Fragen.

Praktische Konsequenz: Wer Prozentzahlen verschiedener Wirkstoffe vergleicht, muss prüfen, welche Auswertung dahintersteht. Sonst vergleicht man die Bestleistung des einen mit dem Praxisergebnis des anderen.

Ein Rechenbeispiel

Angenommen, zwei Wirkstoffe erreichen beide „bis zu 23 %". Wirkstoff A meint damit den Wert bei durchgängiger Behandlung, Wirkstoff B den Wert über alle Teilnehmenden inklusive Abbrecher. Dann ist B in Wahrheit der stärkere — sein Praxiswert liegt dort, wo A nur seine Bestleistung ausweist. Genau diese Verwechslung passiert in populären Vergleichstabellen ständig. Für CagriSema ist die Lage ausnahmsweise eindeutig, weil REDEFINE-4 beide Wirkstoffe in derselben Studie nach derselben Methode gemessen hat — der seltene Fall, in dem die Zahlen wirklich vergleichbar sind. Deshalb wiegt dieses Ergebnis schwerer als jede seitenübergreifende Tabelle.

Fazit Abschnitt 5Zwei Auswertungsarten, zwei Zahlen · die höhere beschreibt das Potenzial, die niedrigere die Praxis · beim Vergleich zwischen Wirkstoffen immer dieselbe Auswertung heranziehen
6 · Sicherheit

Nebenwirkungen

Die häufigsten unerwünschten Wirkungen betrafen den Magen-Darm-Trakt und waren nach Angaben des Herstellers überwiegend leicht bis mittelschwer ausgeprägt und nahmen im Verlauf ab. Das entspricht dem bekannten Muster der Wirkstoffklasse: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, vor allem während der Dosissteigerung.

Da Semaglutid ein Bestandteil ist, gelten dessen bekannte Warnhinweise entsprechend — einschließlich der Warnung zu Schilddrüsen-C-Zell-Tumoren, die für die gesamte GLP-1-Klasse gilt.

Was noch offen ist: Cagrilintid ist als Einzelwirkstoff nirgends zugelassen. Die Langzeiterfahrung mit dem Amylin-Anteil ist deshalb geringer als bei den etablierten Wirkstoffen. Vollständige Sicherheitsdaten werden erst mit der Zulassungsentscheidung und der zugehörigen Fachinformation öffentlich bewertbar sein.

Der Amylin-Anteil: was neu zu beobachten ist

Weil Cagrilintid als Einzelwirkstoff noch nirgends zugelassen ist, ist sein Nebenwirkungsprofil weniger lange erprobt als das von Semaglutid. In den Studien standen die typischen Magen-Darm-Effekte im Vordergrund; darüber hinaus sind — wie bei der Klasse üblich — Gallenblasenereignisse und Reaktionen an der Einstichstelle zu beobachten. Anders als Survodutid mit seinem Glukagon-Arm bringt CagriSema keinen ausgeprägten Herzfrequenz-Effekt mit, weil Amylin nicht über den Glukagon-Rezeptor wirkt. Die vollständige Bewertung — insbesondere seltene und Langzeiteffekte des Amylin-Anteils — wird erst mit der Zulassung und der zugehörigen Fachinformation möglich.

Fazit Abschnitt 6Magen-Darm-Beschwerden als typisches Muster · Semaglutid-Warnhinweise gelten mit · geringe Langzeiterfahrung mit dem Amylin-Anteil
7 · Einordnung

Lohnt sich das Warten?

Die praktisch wichtigste Frage — und die Antwort ist bei CagriSema ungewöhnlich klar.

Aus rein medizinischer Sicht: nein. Der Wirkstoff, gegen den CagriSema verloren hat, ist in Deutschland zugelassen und verfügbar. Auf einen Wirkstoff zu warten, der in der einzigen direkten Vergleichsstudie schlechter abgeschnitten hat als eine bereits verfügbare Option, ergibt keinen medizinischen Vorteil.

Dazu kommt der Zeitfaktor. Selbst im günstigen Fall liegt zwischen einer US-Zulassung Ende 2026 und einer Verfügbarkeit in Deutschland ein Zeitraum von ein bis zwei Jahren, und ein EU-Antrag ist noch nicht öffentlich bestätigt.

Wo CagriSema trotzdem relevant werden kann: Mehr zugelassene Optionen bedeuten mehr Ausweichmöglichkeiten bei Unverträglichkeit, mehr Wettbewerb beim Preis und bessere Verfügbarkeit bei Lieferengpässen. Für den einzelnen Menschen, der jetzt eine Behandlung sucht, ist das aber kein Grund zu warten. Ob und wie behandelt wird, entscheidet ohnehin die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Ein fairer Gegengedanke: REDEFINE-4 hat den Gewichtsverlust verglichen, nicht die Verträglichkeit im Einzelfall. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Zusatzwege — wer GIP (Tirzepatid) schlecht verträgt, könnte mit dem Amylin-Weg besser zurechtkommen, und umgekehrt. Ein zusätzlich zugelassener Wirkstoff mit einem anderen Mechanismus erweitert damit die Auswahl, selbst wenn er im Mittel nicht der stärkste ist. Das ist aber ein Argument für „mehr Optionen insgesamt", nicht für „jetzt auf CagriSema warten" — und es bleibt eine ärztliche Entscheidung.

Fazit Abschnitt 7Medizinisch kein Grund zu warten · unterlegen gegenüber einer bereits verfügbaren Option · Verfügbarkeit in Deutschland frühestens 2027/2028 · mehr Optionen sind langfristig trotzdem sinnvoll
8 · Anwenderberichte

Erfahrungsberichte — anekdotisch, nicht klinisch

Evidenzstufe beachten. CagriSema ist nirgends zugelassen und außerhalb von Studien nicht legal erhältlich. Echte Alltagserfahrungen mit dem fertigen Kombinationspräparat gibt es deshalb kaum. Seriös lässt sich nur auf zwei Quellen stützen: die protokollierten Studienbeobachtungen und die breite Erfahrung mit dem GLP-1-Anteil Semaglutid, der als Wegovy/Ozempic seit Jahren im Einsatz ist.

Aus den REDEFINE-Studien ist das dominierende Thema — wie bei der ganzen Klasse — die Verträglichkeit in der Steigerungsphase: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung, überwiegend leicht bis mittelschwer und im Verlauf abnehmend. Der Amylin-Anteil verstärkt tendenziell das Sättigungsgefühl, was viele als sehr frühe, teils abrupte Sattheit beschreiben.

Für den Semaglutid-Anteil ist der anekdotische Erfahrungsschatz dagegen groß: sehr unterschiedliche Verträglichkeit von Person zu Person, ausgeprägte Appetitdämpfung, gelegentlich Geschmacksveränderungen und die bekannte Herausforderung, den Muskelanteil des Gewichtsverlusts durch Eiweiß und Training zu begrenzen. Diese Erfahrungen lassen sich teilweise auf CagriSema übertragen — aber nur teilweise, weil der Amylin-Anteil neu ist.

Wichtig: „Cagrilintid"-Angebote oder selbst gemischte Kombinationen aus dem Graumarkt sind keine seriöse Erfahrungsquelle — sie lassen sich weder in Gehalt noch Verhältnis mit dem geprüften Präparat gleichsetzen. Anekdoten ersetzen ohnehin keine Evidenz.

Fazit Abschnitt 8Kaum Alltagserfahrung mit dem fertigen Präparat, weil nirgends zugelassen · belastbar sind Studiendaten plus die breite Semaglutid-Erfahrung · der Amylin-Anteil ist der neue, weniger erprobte Teil · Graumarkt-Mischungen sind nicht vergleichbar
9 · Rechtslage

Rechtslage und Graumarkt

CagriSema ist ein Prüfpräparat. Es existiert außerhalb klinischer Studien nicht legal als Arzneimittel: keine Verordnung, keine Apothekenabgabe. Der Vertrieb nicht zugelassener Arzneimittel ist nach dem Arzneimittelgesetz nicht zulässig, Sendungen aus dem Ausland können vom Zoll einbehalten werden. Mehr zur allgemeinen Rechtslage in Deutschland.

Warnung: Weil beide Bestandteile Peptide sind und Semaglutid bereits als Graumarktware kursiert, tauchen auch „Cagrilintid" und selbst zusammengemischte Kombinationen im Handel auf. CagriSema ist eine feste Kombination in einem festgelegten Verhältnis, das in einem Studienprogramm mit tausenden Teilnehmenden geprüft wurde. Zwei Substanzen ungeprüfter Herkunft selbst zu kombinieren, hat damit nichts zu tun — weder pharmazeutisch noch was die Datenlage betrifft, auf die man sich dabei beruft.
Fazit Abschnitt 8Prüfpräparat ohne Zulassung · kein legaler Bezugsweg außerhalb von Studien · selbst gemischte Kombinationen haben mit den Studiendaten nichts zu tun
10 · FAQ

Häufige Fragen

Nein, in keinem Land. Der Zulassungsantrag liegt seit Dezember 2025 bei der US-Behörde FDA, eine Entscheidung wird für Ende 2026 erwartet. Für die EU ist kein Antrag öffentlich bestätigt.

Ein konkretes Datum gibt es nicht. Da für die EU noch kein Antrag bestätigt ist, wäre eine Verfügbarkeit frühestens 2027 oder 2028 realistisch.

In REDEFINE-1 rund 23 Prozent nach 68 Wochen bei durchgängiger Behandlung. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes waren es in REDEFINE-2 15,7 Prozent.

Nein, jedenfalls nicht beim Gewichtsverlust. In der direkten Vergleichsstudie REDEFINE-4 erreichte CagriSema 23,0 Prozent gegenüber 25,5 Prozent unter Tirzepatid. Der Nachweis der Nichtunterlegenheit gelang nicht.

Ein langwirksames künstliches Amylin-Analogon. Amylin ist ein körpereigenes Sättigungshormon, das gemeinsam mit Insulin ausgeschüttet wird.

Wegovy enthält nur Semaglutid. CagriSema enthält zusätzlich Cagrilintid und wirkt damit über zwei Sättigungswege statt über einen.

Einmal wöchentlich subkutan, als feste Kombination beider Wirkstoffe in einer Spritze.

Aus medizinischer Sicht gibt es dafür keinen Grund. Der Wirkstoff, dem es im direkten Vergleich unterlegen war, ist in Deutschland bereits zugelassen.

Mehr Wirkstoffe bedeuten nicht automatisch mehr Wirkung. In REDEFINE-4 erreichte CagriSema 23,0 % gegenüber 25,5 % unter Tirzepatid. Der Hersteller nennt als mögliche Gründe ein unerwartet starkes Abschneiden von Tirzepatid, das offene Studiendesign und dass in der Tirzepatid-Gruppe mehr Teilnehmende die Höchstdosis erreichten. Absolut betrachtet sind 23 % dennoch ein starkes Ergebnis.

Alle drei kombinieren GLP-1 mit einem zweiten Weg. CagriSema nutzt Amylin, Survodutid Glukagon (mit Schwerpunkt Leberfett), Retatrutid GIP plus Glukagon. CagriSema ist damit die einzige Kombination mit einem Wirkweg außerhalb der Inkretin-Familie. Direkte Vergleiche zwischen ihnen gibt es außer REDEFINE-4 (gegen Tirzepatid) nicht.

Wichtiger Hinweis

CagriSema ist ein Prüfpräparat und in keinem Land zugelassen. Diese Seite dient der Information und ersetzt keine ärztliche Beratung.

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